Notizen sind kein persönliches Wissensmanagement

Warum man als Mensch heutzutage nicht alles im Kopf behalten will und dazu persönliche Wissensaktivitäten nutzen. Und dazu oft eine elektronische Verwaltung anstreben.
Geht Wissensmanagement auch persönlich?

Selbstverständlich. Beim persönlichen Wissensmanagement dreht sich alles um gleiche Wissensaktivitäten wie bei Organisationen und Firmen, jedoch ausschliesslich auf Individuen bezogen. Im Prinzip gelten die Wissensaktivitäten aus meinem Artikel "Gezieltes Wissensmanagement im KMU" auch für das individuelle Wissen. Auch dieses bedarf daher einem dynamischen Umgang und Bewegung, damit beim Sport, beim Einkaufen oder beim Heim-Handwerken damit gearbeitet werden kann. Auf die einzelne Person betrachtet, wird Wissensmanagement das Denken und lebenslange Lernen untermalen.
Der persönliche Wissensumgang
Lebenslanges Lernen, Denken und Wissensaktivitäten. Da genau beginnt das persönliche Wissensmanagement (zu englisch personal knowledge management PKM) Hilfe und Lösungen zu versprechen.
Wenn Personen in ihren täglichen Aktivitäten Wissen suchen, sammeln, klassifizieren, bewahren und abrufen, dann wird von persönlichem Wissensmanagement gesprochen. Dabei stehen nicht nur Arbeitstätigkeiten im Vordergrund, sondern auch Tätigkeiten in Familie, Freizeit und ja, eigentlich in allen Lebensbereichen.
PKM hat somit in den letzten Jahren vom Nischendasein einzelner Lern- und Wissens-Nerds zu einer aktiven Fachdisziplin des individuellen Wissensumgangs gemausert. In vielen Bereichen ist das persönliche Wissensmanagement nützlich, wie beispielsweise (nicht abschliessend):
- Vor dem Erlernen eines neuen Wissensgebiets: z.B. zur Vorbereitung auf eine Prüfung, auf einen Kurs/Workshop oder für neue Impulse in der eigenen Gedankenwelt.
- Im täglichen Arbeitsleben: z.B. die allgegenwärtige Informationsflut bewältigen, neue Felder entdecken und für sich nutzbar machen.
- Bei der beruflichen Neuorientierung: Erfassung des Ist-Standes, Wunsch-/Soll-Ziele und daraus die ich-Kann-das-erreichen kondensieren und für den Restart, hilft auch beim Loslassen.
- Zur Verbesserung der eigenen Kompetenzen: Lernen, Verlernen und NeulernenZur Unterstützung des Lernprozesses: Verbinden, Vernetzen und Neues erreichen.
Wohin und was tun mit den Informationen?
Genau das frage ich mich, uu Hause am Stubentisch sitzend: Wo lege ich nur meine all die Daten ab, wie verwalte ich meine Ideen, Gedanken, Zitate und Notizen - so das ich sie auch wieder finde? Oder wie organisiere ich mich, wie werde steigere ich meine Effizienz und Effektivität meiner ToDos? Hat dies miteinander was zu tun?
Im Zuge der immer grösser werdenden Informationsflut können wir nicht mehr alle Informationen kategorisieren und sauber gefiltert im Hirn abgespeichert werden wollen.
Magst Du Dich noch an die exakten URLs der letzten 20 Websites erinnern, die Du angepeilt, gelesen oder gar als Video oder Podcasts verarbeitet hast? Oder wieviele Task verarbeitest Du im Geschäftsalltag, alles bequem via Outlook oder Kalender, alle Links und Exceltipps? Alles gebookmarkt?
PKM ist Mit-Hilfe gegen die Info-Flut
Schon die Granddame der populären Hirnnutzung, Vera Birkenbihl, übermittelte vor Jahren, dass unser Hirn zur Vernetzung und Nutzung von Daten und Informationen Hilfestellungen und Unterstützung braucht. Heute wird es ohne eine solche Unterstützung von analogen und digitalen Mitteln zunehmend schwerer, der Breite, der Dichte und der Komplexität von ungefilterten Daten und Informationen gezielt Dame und Herr zu werden.
Dabei sollen Deine Daten und Informationen nutzenoptimiert gefiltert werden, diese hirngerecht kategorisiert und bedarfsgerecht wiederauffindbar zu gestalten, damit diese dann irgendwie und irgendwann hoffentlich zu einem Wissen und einem Nutzen führen.
Hier greift das eigene Streben nach einer Hilfestellung, um Wissensaktivitäten für das eigene Selbstmanagement zu nutzen.
Ausgehend von Notizen
Das persönliche Wissensmanagement begann ursprünglich als eine Daten- und Informationablage, später dann durch häüfig als Wissensablage in der Form einer strukturierten Notizverwaltung begann. Das geht heute hin zu persönlichen Wissens-Prozesschritten. Diese sind wiederum mit einer Steigerung der eigenen klassischen betriebsökonomischen Prämissen, nämlich der Effektivität und Effizienz, und der Sinnhaftigkeit gekoppelt. Wissensmanagement umfasst daher auch generell die zielstrebige Nutzung mit und rund um die Ressource Wissen.
"Denkbare” Ziele von persönlichem Wissensmanagement sind folglich:
- Lernen, Verlernen und Denken
- Neues als Ideen generieren, verbinden und vernetzen
- Sachverhalten, Wissensbestände und Probleme entwirren, lösen und entwickeln
- Informationen sortieren, filtern und um Neues ergänzen
- Eigenes Wachstum
Im Zeitalter der allgegenwärtigen Digitalwelt treffen wir PKM nun häufig in Kombination mit Ansätzen des eigenen Selbstmanagements wie bspw. dem Zeitmanagement (Prios, ToDos) an, gepaart Effizienzsteigerung mit Zielsetzungen und Planung, Beihilfe zur Selbstmotivation und Prokrastinationsvermeidung sowie Methodiken von Work-Life-Balance/Blending. Damit kommen unterschiedliche Ergänzungen zusammen, die oft als PKM verstanden werden.
Der Zettelkasten gilt oft als PKM-Ursprung
Immer wieder wird als einer der Ursprünge des persönlichen Wissensmanagements die Methodik des sehr bekannten Zettelkastensystems des deutschen Soziologen Niklas Luhmann verortet.
In der Tat hat er sein persönliches Wissensmanagement mit seinen Zettelkasten System vorgemacht und in seinem Alltag gelebt: Luhmann entwickelte eine vernetzte und nachvollziehbare Struktur auf Karteikarten, um Informationen und Daten abzulegen und diese auch mit der Vernetzung wieder zu finden. Echt klever.

Und genau das ist der springende Punkt. Luhmanns Zettelkastensystem ist und war eine grandiose Sache, nur - sie ist/war für Luhmann seine eigene Ideallösung seines persönlichen Wissensmanagements. Doch - zugegeben sein System ist sehr spannend und prüfenswert.
Es gibt nun zwei Möglichkeiten:
1. Entweder man kreiiert sein eigenes System, seine Struktur mit seinen Tools.
2. Rückgriff auf Vorgaben und Ansätze Dritter.
Was ist der beste Ansatz für PKM?
Wir Menschen sind so unterschiedlich, auch mit den eigenen Gedanken. Und genau so unterschiedlich denken wir.
Stellen Sie sich einen Bleistift vor, mit dem sie was auf Papier notieren. Sehen wir nun vor unserem Auge den gleichen Bleistift? Senkrecht, waagrecht, mit wenigen Fingern haltend oder mit der Hand? Welches Papier, ein Büchlein, eine Tapete auf Papier und was notieren sie?
Wir denken, imaginieren, lernen und verlernen total unterschiedlich, obwohl wir erste Lern-Ansätze in der Schule ähnlich erlernt haben. Dabei gehen wir sehr differenziert und individuell an die Ressource Wissen heran, verbinden und lernen mittels unterschiedlichen Lerntypen und kommen zum Ziel, vereinen dabei unterschiedliche Denk- und Herangehensweisen.
Einzige Verbindung eines PKM-Ansatzes ist, dass wir private und geschäftliche Informationen auf Papier, also Foto, Videokassette oder digital vorliegen haben, die wir wo ablegen wollen und den Inhalt wieder finden wollen, nämlich dann wenn wir sie verarbeiten wollen.
Meines Erachtens soll jedes Individuum für sich selber herausfinden, welches System oder welche Wege für sie im Bereich PKM selbst stimmt. Es lohnt sich durchaus als Inspiration das eine oder andere System oder unterschiedliche Methodiken auszuprobieren. Denn nur so gelingen aus meiner Sicht konstruktivistische, selbstorganisierte und selbstgesteuerte Wissens-Prozesse, die auch Lernen und Verlernen beinhalten, um daraus einen ur-eigenen Weg zu generieren.
Wer Inspiration zu PKM wünscht, der findet sie auch. Dazu gehören nicht beispielsweise Möglichkeiten von Luhmanns Zettelkasten, Tiago Fortes Secondbrain und seine PARA-Systematik, oder durch dier Nutzung eines bestehendes Modells mit Wissensaktivitäten wie das SECI-Modell, dem Linking your Thinking aus der Obsidian-Welt, das 4C-Modell (Collect, Condense, Connect, Create), Forever Notes auf Basis Apple Notes, GTDI das die Todo-Listen Getting Things Done mit Informationsvernetzung paart, sehr viele Vorlagen für Notion und unzählige andere Ansätzen mit unterschiedlichsten Ausrichtungen.
Mögliche Odysee mit digitalen Tools für PKM
Die unzähligen digitale Tools sind für PKM wirklich toll. Auch ich nutze welche für mein eigenes PKM. Ich habe mich sehr leidenschaftlich 2 Jahre mit der Software Obsidian und dessen Plugins auseinandergesetzt. Ich habe mehrere Schulklassen mittels Obsidian mit der Formatierungssprache Markdown die Ansätze des PKM im Rahmen von Semesterarbeiten erarbeiten lassen. In Obsidian habe ich meine PKM-Grundstruktur im PARA System aufgebaut, grandios verknüpft und dann so mit der Zotero-Literaturverwaltungsbibliothek vernetzt, um auch Literaturnotizen zu verarbeiten. Diese flossen dann im LaTeX Satzsystem mit der Zitierung zusammen, mit dem Resultat, dass sich die PDFs in einem unglaublich schönen, typografisch korrekten Textsatz mit Quellen im APA7 Format zeigten. Bis - eines Tages das eine Obsidian-Plugin markant sich veränderte. Ich musste meinen bisherigen Wissensbestand neu anpassen. Damit bemerke ich, dass ich nur noch am Systembauen war, aber nicht meine Wissensaktivitäten nutzte.

Da die Umgestaltung des Bestehenden aufwändig war, wollte ich mich neu orientieren. Bald standen Testreihen der Lösungen Logseq, Notion, OneNote, Notebook und einfache Markdown-Textfiles an. Einige weitere Tools habe ich ausprobiert, auf der Suche nach der für mich ultimativen Lösung. Ohne Zweifel waren sie alle toll, aber für mich persönlich nicht zielführend. Ich stellte fest, dass Obsidian in der damaligen Version für mich zu sehr einen System- und Funktionsbau führte und ich meine Ideen und Ansprüche verändern wollte. Daher habe ich mich gefragt, was brauche ich und was bringt mir in welchen Bereichen etwas.
Ich halte mein eigenes System einfach, auch fürs PKM.
Meine Lösung lautet für mich: Ich bin vom Feature-itis weg, ich will diejenigen Funktionen, die mir persönlich helfen. Dazu gehören Verlinken, Backlinks, Tags, auswerten, Markdown und vorallem wieder finden, nutzen können und so fort. Nur ob ich diese Funktionen dann brauche, manchmal ja, manchmal nicht. Für mich zentral ist, dass ich meine Informationen mit Wissensaktivitäten so und dann nutzen kann, wann ich Funktionen brauche. Und heute nutze ich zwei Tools in unterschiedlicher Façon und seither ist PKM für mich nicht Systembau, sondern situative Nutzung für meine eigene Wissensaktivitäten. Der Einbezug von KI/AI erscheint mir unablässig, doch dann wenn ich das will und es Sinn macht. Die beiden Tools Lunatask aus Prag/Berlin sowie Supernotes.app aus London bringen mir das, was ich wünsche, ohne dass ich muss.
Ich kopiere nicht das Denksystem einer/-s Anderen, es denkt einfach nicht ähnlich wie ich, wohl aber hole ich mir Inspiration von Dritten.
Wissensvernetzung geht auch analog
Für die Wissenserfassung und Wissensvernetzung habe ich für mich auch einen analogen Ansatz entdeckt, die ich für sämtliche meine wissenschaftlichen Arbeiten als zentrale Anwendungsmethode nutzte und nutze. Beginnend mit der Bachelorarbeit in Relationsship Marketing, mein CAS zu Humor Training in Firmen, für das Ausbildungskonzept eines Kreativitätsrucksackes beim Ausbilder FA oder bis hin zu meiner Uni-Masterarbeit zu den Möglichkeiten Verlernens im Rahmen der Organisationsentwicklung oder bei Konzepten wie eLearning. Da gehörte eines bei mir dazu: Meterweise Packpapier war das zentrale, verbindende Element.

Ich kam so auch etwas vom rein digitalen Weg ab und habe mich für dieses Format und Medium entschieden, weil es recycliert werden kann. Es ist zudem enorm vielfältig nutzbar. Ich schreibe, skizziere, designe, klebe, nutze auch Klebenotizen und selbstklebende Moderationskarten, falte, gestalte, verwurstle und dies alles mit dünnen und breiten Stiften, Skizzen, Bildern, Symbolen und Hinweisen. Gepaart wird das durch einen A3 Block aus dem Zeichenladen, der mir als Projektplanungsbogen dient. Mit diesen beiden analogen Tools habe ich mein Projektions- und Gestaltungsfeld im PKM und auch noch viel Haptik, Farben und Gedanken. Das macht mir keine Software.
Wie gehst Du voran?
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