Die Richtung loslassen

An einem freien Morgen sitze ich in meinem Büro vor dem Computer. Fix ist an diesem Tag einzig ein Termin am Bodensee um halb drei Uhr nachmittags.
Zwischen den Regalen
Beim Blick auf meine 4 Büchergestelle da stellt sich bei mir eine Unruhe ein, ich betrachte die Bücher und mir fällt auf, dass diese unterschiedliche Themenfelder umfassen, die ich im Laufe der Jahre bearbeitete oder gar nicht bearbeitete. Einige Bücher da im Büchergestell sah ich gedanklich dann und wann mal vor, um irgendwann mal etwas mit dessen Inhalt tun zu können. Ich spüre eine Anspannung und mich beschlich ein sanfter, doch wahrnehmbarer innerer Druck. Es fühlt sich an, als wolle ich gleichzeitig altes Terrain noch beackern und mich neu ausrichten. Wer Neues wagt, verbindet damit auch sein Gedankengeflecht anders und genau so fühle ich mich, etwas zögerlich auf diesen Druck, ja auch vorsichtig, mich innerlich tastend.
Die Bücher sind existent im Büchergestell. Ich schaue sie immer noch an. Dabei stelle ich mir die Frage "wie fühle ich mich grad", ich stehe wie vor einer Entscheidung, die ich nicht habe kommen sehen, und frage mich, ob ich mich denn auch wirklich entscheide – wofür, ist mir noch nicht klar. Ich fasse in einem kurzen und übersichtlichen Prompt zusammen, wie ich mich gerade in meinem Leben sehe, meine aktuelle Situation und gebe in wenigen Zeilen mir einen Raum für mögliche Ausblicke, Ideen und Gedanken. Ich logge mich in meine KI ein und setze den Prompt ab; die KI fragt mich sofort wie eine semantische Resonanz zurück, was sie machen dürfe. Sehr freundlich, ja irritierend höflich, diese Antwort, da ich weder eine Frage noch die Suche nach einer Antwort als Teil des Promptes verband.
90 Bücher, eine Frage
Aus dem Büchergestell entnehme ich ein Buch, gebe den Titel ein und frage: "Brauche ich das noch?"
Die KI antwortete: „Nein, nicht mehr dein Themenfeld.“
WAS?
Ha, nun – das fachliche Thema ist mir aber wichtig, und das will ich dann irgendwann eines Tages wirklich tun.
„Nein, für deine Tätigkeit brauchst du das nicht mehr.“
Es stimmt ja eigentlich: Das Buch liegt seit Jahren im Gestell, ungelesen und unbeachtet und einfach da. Will ich das Buch – und vor allem: Will ich das Thema überhaupt noch? Ich blättere kurz durch? Nein, und lege das Buch zur Seite. Was mit einem Buch begann, wiederholte sich mit einzelnen Büchern, dann mit Bücherbündeln, wo ich nur noch Titel und Autoren eingab, alles durchblätterte und meine Entscheidung treffe. Teilweise sind die Bücher sogar noch in Plastik verschweisst. Die KI befrage ich nur noch zum Amüsement.
Nach über 90 Büchern und Nachschlagewerken auf mehreren Stapeln muss ich mich dann doch noch sputen mit meinem Termin am Bodensee! Doch sind die Bücher immer noch da, sie kleben noch fest.
10 Säcke, ein Lächeln
Zwei Tage später eile ich in den Grossverteiler, kaufe zwei Dutzend Papiersäcke und über Mittag fahre ich nach Hause, packe alle Bücher in 10 Säcke, trage diese Treppe runter und fahre in die Bücher-Brocky, wo ich diese mit einem freudigen Lächeln abgebe. Ich fühle mich erleichtert, Themen einfach sein zu lassen. So können sich andere daran erfreuen; das bestärkt mir mein gutes Gefühl, das vom Loslassen, vom Seinlassen und nun von meinen fast freien Büchergestellen stammt. Ich habe umgeräumt und habe nun ein Büchergestell für Philosophisches, eines für das Neue und eines fürs Sammelsurium mit Romanen. Herrlich erfrischend wie eine Frühlingsbrise fühlt es sich an.
Loslassen ist kein Verlust, sondern ein Freimachen.
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